Tagundnachtgleiche

Wir erwachen ausgeruht in warmen Betten, Elea kommt zu uns ins Bett gekrabbelt. Ich freue mich so, denn beide Mädchen haben die ganze Nacht zusammen in ihrem eigenen Bett geschlafen. Wir machen Frühstück, dann gehe ich mit den Mädchen einkaufen. Sie sind ganz liebevoll miteinander und auf eine andere Weise verbunden. Schon in Leipzig habe ich dies beobachtet. Sie spielen andere Spiele zusammen, lassen sich mehr aufeinander ein, suchen sich gezielt Raum für Zweisamkeit und Rückzug. So gab es in Leipzig an einem Morgen eine Situation, da wollten die beiden am Tisch unbedingt nebeneinander sitzen, rückten ihre Stühle zusammen und bereiteten sich gegenseitig Brote zu, fütterten einander und teilten alles.

Vom Einkauf zurück geht es mir schlecht. Mir ist übel und bin erschöpft. Ich habe ein großes Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf. André macht Mittagessen und ich lege mich aufs Sofa. Er deckt mich zu. Wie in einem Kokon gebettet gleite ich in einen angenehmen, leichten Schlaf. Dieser ist nur von kurzer Dauer, denn Jolie weckt mich nach kurzer Zeit, doch ich fühle mich bereits wieder gut gestärkt und erholt. Wir essen zu Mittag, ziehen uns an und brechen auf zu Freunden von André, um mit Ihnen ein Fest und Ritual zur Tagundnachtgleiche zu zelebrieren. Was uns in den nächsten Stunden bevorsteht und sich eröffnet, können wir nicht im geringsten erahnen, und hätten wir es geahnt, so wären wir möglicherweise nicht aufgebrochen. Es wartet Herausragendes, Grenzüberschreitendes, Wunderheftiges auf uns…!

Wir kommen in die Küche des Hauses, in dem Andrés Freund wohnt. Ich erblicke viele wunderbare Menschen mit lieber, warmer Ausstrahlung. Es sind drei Männer und drei Frauen und nun stoßen wir dazu. Ich nehme alle Menschen insgesamt wahr und grüße jeden von ihnen und es passiert etwas ganz Spannendes neben all dem Gewöhnlichen.

Ich verbinde mich sofort von Herz zu Herz mit den Frauen in diesem Raum. Ich sehe sie an, fühle sie und mache mich auf für Frauenverbundenheit und Schwesternschaft. Ich spüre deutlich, wie sich zwischen und mit uns Frauen ein innerer Kreis schließt, in dem ich mich gut, weiblich, vertraut und kraftvoll fühle. Ein Teil von mir wäre gerne mit diesen wunderschönen Frauen ganz unter Frauen – und doch, in diesem Augenblick sind wir es. Es ist ein einendes Band, das in Bruchteilen von Sekunden gezogen wurde und uns durchfließt und eint. Angenehme Energien und Emotionen steigen in mir auf. Wir machen es uns gemütlich, kommen miteinander in Gespräche, lachen, philosophieren und die Mädchen schlafen neben mir auf Fellen auf dem Küchenboden ein. Der große Irische Wolfshund Freki legt sich ebenfalls zu meinen Füßen dazu und döst, und so liegen um mich herum drei bezaubernd dösende Wesen und bringen mich in eine innere tiefe Ausgeglichenheit und Ruhe. 

Nach einer Weile des Zusammenseins, Geschichten Lauschens und Erzählens, nach Austausch und Wohligkeit brechen wir auf zur Wanderung. Das Ritual zur Tagundnachtgleiche findet an einem Kraftplatz im Elbsandsteingebirge statt. Wir erwandern am Nachmittag einen weiten, steilen Weg bis ganz hinauf auf die Steine und Felsen. Zuerst ist der Weg noch trittsicher, doch mit dem Aufstieg wird es zunehmend enger, steiler, eisiger und rutschig. Wir überqueren schmale Treppen, die zwischen großen, wuchtigen und kalten Steinen liegen. Es ist ein unglaubliches Abenteuer und ich weiß gar nicht, wie wir das weitestgehend entspannt gemeistert haben.

Den Mädchen ist es wirklich sehr kalt, der Wind nimmt zu und fährt durch alle Nischen der Steine. Es schneit. Elea mag nicht mehr selbst laufen und beginnt zu weinen. Sie ist erschöpft und ich kann sie gut verstehen und fühlen. Welche Kräfte und Energiereserven André und ich dann mobilisieren ist echt toll. Er ist die ganze Zeit bei Jolie und begleitet ihre Schritte und Tritte auf dem unebenen, glatten Boden, wärmt ihre Hände und spricht ihr Aufbauendes, Wohltuendes zu. Ich nehme Elea in meinen Rucksack und trage sie auf meinem Rücken weiter. Jolies Hände frieren, Elias Füße auch und meine wohl auch, doch nehme ich es kaum wahr, weil mein Fokus darauf liegt zu klettern, einen sicheren Tritt zu haben und auf dem Weg zu bleiben.

Oben angelangt ist es noch windiger. Das lässt mich und die Mädchen einknicken. Wir müssen zurück, sonst würden wir Erfrierungen davon tragen. Die Gruppe sieht uns, einige haben Felle und heißes Wasser dabei, ein anderer macht ein wärmendes Feuer, das ursprünglich nur zum Erwärmen der Tierhäute der Trommeln gedacht war. Wir setzen die Mädchen in das große, weiche Schafsfell gewickelt ans Feuer und sie erwärmen sich rasch. Auch ich friere und meine Füße stechen bereits vor Kälte.

Christian bläst in sein Horn, als wir oben auf dem Gipfel stehen. Es schallt weit in die Ferne hinaus. Der Klang hallt weithin nach. Als ich diesen Ton klar wahrnehme, schlägt mein Herz schneller und ich fühle mich ganz tief in mir gerufen. Es eint uns dieser Ruf. Wir machen ein kurzes, tief berührendes Ritual. Christian trommelt auf seiner Schamanentrommel und stimmt mit seiner kraftvollen, tiefen Stimme ein altes rituelles Lied an. Es klingt so schön durch uns alle hindurch. Diese Schwingung und die Anrufung, die er an die Götter schickt, durchfährt meinen ganzen Körper und hebt meine Frequenz.

Die Mädchen sind munter und entspannt und mümmeln die von uns mitgebrachten Brote am knisternden Feuer. Wir gehen nun dennoch zurück und wagen den Abstieg. Es ist nun schon fast ganz dunkel. André geht mit Jolie. Sie ist so mutig und wagt sich selbst schon vieles. Beim Abstieg, der noch aufregender und fordernder ist als der Aufstieg und noch mehr Konzentration und Präsenz erfordert, steigen erneut Kräfte aus uns empor, die wir bisher nicht kannten und ohne Zugang waren. Insgesamt war die Wanderung sehr anstrengend und wurde doch getragen von einer stillen, kraftvollen Leichtigkeit.

André und ich haben uns in einem stillen Bündnis, ohne viele Worte verständigt und durch Höhen, Kälte, Wind und Eis manövriert und navigiert und einander so den Raum gehalten. Die Gruppe hat uns beim Abstieg gestützt und den Weg geleuchtet. Die letzten Meter zum Parkplatz laufen wir als ganze Gruppe zusammen. Zuvor sind wir in kleineren Grüppchen abgestiegen.

Ich umarme innerlich die Erfahrung dieses Tages und fühle meinen, unseren Weg. Es ist ein erhabenes, starkes Gefühl mit allen zusammen als geschlossene Gruppe hinabzuschreiten. Bei Christian daheim gibt es Tee, ein köstliches Abendessen, einen warmen Ofen und viel Vertrautheit. Beim Zubereiten des Essens mag ich gerne helfen, doch Yoki sieht mich liebevoll an und weist mich an, einfach zu genießen. Die Einladung nehme ich dankbar an. Ich bin so gebettet in Wohligkeit und Freude. Ich sehe meine rotbackigen, glücklichen und starken Mädchen, die so unglaublich tapfer sind, Tee schlürfen und malen. Ihre Augen leuchten.

Sie kommen mir gewandelt vor und es scheint mir, als wäre ich mit anderen Töchtern vom Berg zurückgekehrt. Auch Christians Kinder sind am Abend in seinem Haus. Mir wird hier erst bewusst, welche Anstrengung wir auf uns genommen haben, an Punkte gelangt sind, die uns forderten, und wir weitergingen. Dann sind wir wieder an Punkte gelangt, an denen wir uns sagten, dass es nicht weitergeht ( und an diesen Punkten zu erkennen sich neuen Möglichkeiten zu (er-) öffnen und doch weiter zu gehen, grenzerweiternd zu sein ). An diesen eröffneten sich uns stets neue Möglichkeiten und wir gingen weiter unseren Weg.