Großes Geschenk

Wir fuhren von Essen nach Lüneburg mit einem Umstieg in Hannover. Der Zug hatte in Essen schon eine Verspätung von 50 Minuten. Es war ein stürmischer Tag mit Unwettern in ganz NRW und nicht nur unser Zug brachte diese fette Verspätung mit: Am ganzen Bahnhof kam es bei Zügen zu Ausfällen, Verspätungen, Gleisverlegung. Es schien ein heilloses durcheinander und Chaos. Als mein Zug dann kam, stieg ich in ein überfülltes Familienabteil ein- aber es war doch noch Platz für den Bollerwagen und wir konnten sogar zu viert zwei Sitzplätze einnehmen *juhu*. Am nächsten Bahnhof stieg ein Pärchen aus sodass wir drei Sitzplätze zur Verfügung hatten und damit wirklich viel Platz in dem sonst übervollen Zug.. Dort saßen parallel zu uns drei Menschen die sich beschwerten und beinah die ganze Fahrt über nörgelten wie ungerecht, unzuverlässig die Bahn ist, sie forderten bei Telefonaten mit dem Bahnservice und vom Schaffner (der arme Mann- er war total überfordert und müde dabei aber so geduldig und hilfsbereit) einen Ausgleich und Erstattung im angemessenen Rahmen. Sie beschwerten sich über die lange Zugreise (okay, eine meinte sie fährt schon seit 16 Stunden- das ist wirklich ermüdend und krass anstrengend) und die wenigen Möglichkeiten die ihnen gegeben wurden. Ich ließ mich davon wenig berühren und freute mich über das was da war: eine mittlerweile selig schlafende Elea, es war warm und trocken und wir hatten sogar Sitzplätze in dem völlig überfülltem Zug der sogar Menschen von anderen Zugfahrten mit aufgenommen hatte, deren Verbindungen ausgefallen waren. Der Schaffner gab den Menschen neben uns den Hinweis das die Möglichkeit besteht bis 80 Euro einen Taxigutschein zu erhalten am Service/Info Point (den Rest müsse man selbst zu zahlen). Darüber beschwerten sie sich auch zunehmend und maulten, meckerten und schimpften. Als Jona mich fragte wann wir ankommen, gab ich Antwort dass ich es nicht weiß wir aber gewiss irgendwo ankommen (das ließ die Leute am Nachbartisch verstummen- sie schauten mich wohl alle etwas irritiert und verständnislos an) In ihren Köpfen und denken konnte ich ihr Unverständnis hören und in ihren Augen ihre Ungläubigkeit meiner Leichtigkeit und Vertrauens anlässlich dieser in ihrem Ermessen schrecklichen und anstrengenden Situation ablesen/sehen.
Wir erreichten dann endlich Hannover und stiegen aus. Als wir die große Bahnhofshalle betraten reihten wir uns in das lange Ende der Schlange am Service Point ein und warteten. Unser Anschlusszug hatte ohnehin ebenfalls eine Verspätung und so hatten wir wieder mal fast eine Stunde Zeit. Ich fragte mich noch, während wir in der Halle anstehen, warum überhaupt ich nach einem Taxigutschein frage, weil wir von Lüneburg aus fahren müssten und dies viel zu teuer wäre und ich den entsprechenden Ausgleich gar nicht tragen wollte. Irgendwas in mir wusste aber und war ganz klar damit dort auszustehen und zu warten. Als ich dran kam schilderte ich der Dame unsere Situation und wohin wir wollen und fragte nach dem Taxigutschein.
Dann passierte etwas so unsagbar verrücktes: Während ein neuer Zug im Bahnhofsgebäude einen Schwung Menschen ausschüttet, von denen einer wutgeladen an das Serviceteam heran tritt, zu wüten und schreien beginnt das alle hier doch nur nach hause wollen und er eine Lösung verlangte für all das Chaos, stehe ich bereits an Schalter 1 und die Frau vor mir sagte ich solle einen Moment warten. Sie verschwindet und nach wenigen Minuten des Wartens grübele ich ob wir nicht einfach ohne Taxigutschein zum Gleis gehen sollen…. Doch ich wartete und sie kam kurz darauf wieder und bat mich zu der Seitentür, öffnete mir dort und sagte: „Sie bekommen ein Taxi von hier nach Hause.“
Ich war fassungslos und konnte das gar nicht glauben. Ein junger Mann kam jetzt an die Tür und sprach kurz mit der Frau. Dann drehte er sich freundlich zu mir um, stellte sich als unser Taxifahrer vor und winkte uns mit ihm zum Taxi zu kommen. Wir folgten ihm und ich konnte es nicht fassen, was hier geschah: Die Dame am Schalter (naja, wohl eher das Unternehmen bei dem sie arbeitet) schenkte uns eine Taxifahrt von Hannover nach Mecklenburg Vorpommern.

Während der ganzen bisherigen Reise hatte ich betrübte, launische, unzufriedene Menschen um mich. Auch diese Halle war voller frustrierter Menschen die in Wut, Müdigkeit und Verzweiflung den schnellsten Weg nach Hause wünschten. Sie waren verärgert weil sie nichts bekamen: keine zufrieden stellende Auskunft, keinen zufrieden stellenden Ausgleich/ Aufwandsentschädigung oder dergleichen. Und wir standen einfach mit dem Fokus und im Vertrauen nach Hause zu kommen und bekamen eine Taxifahrt geschenkt (über 157 km).

Alle Menschen standen um mich in Hektik, Verzweiflung und Stress und ich im leisen Vertrauen erhielt ein solch wundervolles Geschenk des Himmels!
Ich war so selig und entspannte mich in die Situation hinein!
1000 Dankeschöns schickte ich hinaus und lächlte mit müden Augen der Dame erleichtert zu. Sie war unser Engel in dieser Nacht.
Ich wünsche jedem eine große Extra-Portion Wunderhaftigkeit und Gelassenheit, Vertrauen und Offenheit um immer wieder die großen Geschenke des Lebens und DaSeins zu empfangen.